Wie geht es Ihnen mit Ihren guten Vorsätzen, Impulsen für das neue Jahr - jetzt, vier Wochen nach Silvester? Uns fiel dieser Tag ein (weiteres) Konzept in die Hände, das für unscharfe statt SMARTe Ziele in der menschlichen Gemeinschaft und damit auch u. a. in der Moderation plädiert.
Jutta Weimar (eine Großgruppenmoderatorin) verweist in ihrem Mini-Handbuch Moderation (Seite 61) auf Gray, Brown und Macanufo (2011), die von ESP-Zielen sprechen:
- Unscharfe Ziele fördern die emotionale Verbindung zu ihnen, sie wecken Leidenschaft.
- Je besser das Ziel mit allen Sinnen = sensorisch erfasst und greifbar werden kann, desto leichter können Ideen z. B. durch Skizzen, Prototypen, Collagen konkretisiert werden.
- Lebensnah wird das ESP-Konzept durch das P - Progression; es bedeuet, dass Ziele nie in Stein gemeißelt sondern veränderbar sind, weil ein Team dazulernt und neue Erkenntnisse gewinnt, die Einfluss auf die eingeschlagene Richtung und die Zielformulierung nehmen.
Steve de Shazer, einer der Entwickler der Lösungsfokussierung, sprach gar nicht von "Zielen" sondern hinterfragte, was seine Klienten "anpeilen": "Woran merken Sie, dass es in die richtige Richtung geht?" oder "Woran merken sie, dass Sie erreicht haben, was Sie möchten?" (zitiert in "Einführung in die Lösungsfokussierung ..." von Insa Sparrer, 4. Auflage 2017, Carl Auer Verlag)
Anstatt sich ein weit entferntes, großes Ziel vorzunehmen, ist es aus unserer Erfahrung für Gruppen leichter, sich auf den ersten Schritt zu einigen, vielleicht mit der Frage "Welche kleine Maßnahme verbessert unsere Situation?" oder "Welche eine kleine Veränderung könnte der Dominostein sein, der viele andere in Bewegung bringt?"
Wir nutzen gerne die Energie eines offenen Raums, in dem sich Ideen und ihre Konkretisierungen formen können, ohne dass (sofort) quantifizierbare Ergebnisse formuliert werden. Z. B. die Aufgabe, sich gegenseitig Zukunftsbilder mittels Collagen vorzustellen, macht den Teilnehmenden unsere Workshops viel Spass.Schon 2010 schrieben wir über Otto Sharmer und seine "Theory U". In U-Form wird ein Veränderungsprozess in 7 Phasen beschrieben und eine davon ist der "Prototypen-Bau", der verbunden wird mit dem Appell, möglichst oft zu scheitern und neu zu bauen - um so immer mehr lernen zu können.
Auch im Gesangsunterricht und der Stimmbildung würden SMARTe Ziele die Stimmentfaltung eher verhindern. Der/die Gesangslerher:in weiß, wohin die Reise geht und arbeitet gegenüber dem/der Schüler:in eher in der Unschärfe, um nicht zu viel vorweg zu nehmen. Es kommt in jeder Session darauf an zu akzeptieren, wie die Stimme jetzt in dem Moment ist und in welche Richtung sie sich verändern könnte. Ein SMARTes Ziel würde Erwartungen erzeugen: So MUSS das jetzt sein! Das schränkt die Wahrnehmung ein, alle andern Ressourcen und Potenziale nimmt man nicht mehr wahr. Unschärfe dagegen macht den Weg für eine Entwicklung frei.
Ob in der Gruppe oder alleine: Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen mit unscharfen Zielen!

