Diskussionen zu unterschiedlichen oder gar gegensätzlichen Standpunkten können sehr dynamisch, emotional und von-Holz-auf-Stock geführt werden. Am Ende weiß dann keine Beteiligter mehr, wo man angefangen hat und welches Ergebnis dabei herauskam. In privaten Unterhaltungen mag das Gedankehn-Hopping Freude machen. In Gesprächen in beruflichen Kontexten kommt dieses Phänomen ebenso häufig vor und läst die meisten Beteiligten verwirrt und unzufrieden zurück.
Gegensätzliche Standpunkte werden "irgendwie" als Bedrohung erlebt, und das löst Emotionen aus, die die eigentliche Sachfrage überdecken. Haben Sie in diesem Zusammenhang schon mal von "intellektueller Demut" gehört? Sie wird als Gegenteil von Arroganz und Unterwürfigkeit verstanden und bezeichnet die Fähigkeit, eigene Wissensgrenzen zu akzeptieren und damit in Diskussionen offen für andere Standpunkte zu sein. Mit intellektueller Demut ist es mögich, starke Abwehrreaktionen zu verringern und damit der Diskussion einen lösungsorientierten Verlauf zu ermögichen.
Eine von uns befasste sich in den vergangenen Tagen mit Sudien, die das Thema Umgang mit gegensätzlichen Standpunkten berühren. Eine Studie fiel ihr besonders ins Auge: Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und intellektueller Demut.
H. P. Hanel und sein Team untersuchten, ob intellektuelle Demut im Diskurs durch eine vorangehende Selbstbestätigungsaufgabe experimentell gesteigert werden kann. In der Aufgabe machten sich die Teilnehmenden ihre eigenen Werte, Fähigkeiten, Überzeugungen und persönlicher Ressourcen bewusst.
303 Teilnehmer nahmen an 116 audio- und videoaufgezeichneten Gruppendiskussionen teil. Die Studie ist ausführlich dokumentiert und wir picken hier nur ein Ergebnis heraus: Die Untersuchung zeigt u. a. "dass intellektuelle Demut in einer Debatte durch eine relativ einfache Intervention, der Selbstaffirmation, gefördert werden kann. In Zahlen ausgedrückt zeigten 60,6 % der Teilnehmer in der Affirmationsbedingung in der Debatte mehr intellektuelle Demut als die durchschnittliche Person in der Kontrollbedingung. Diese Erkenntnis und in gewissem Maße auch der damit einhergehende Effekt auf prosoziale Emotionen lassen vielversprechende Implikationen für die Verbesserung der Dialogqualität bei kontroversen Themen erkennen."
Mit diesem Ergebnis im Kopf können Sie sich zukünftig auf ein spannungsgeladenes Gespräch vorbereiten, indem Sie sich vorher Ihre eigenen Werte, Fähigkeiten, Überzeugungen und persönlicher Ressourcen bewusst machen.
Wie könnte das gehen? Wählen Sie einen persönlichen Wert, beispielsweise Fairness, Freiheit, Verantwortung, Kreativität oder Verbundenheit. Schreiben Sie auf, warum dieser Wert für Sie wichtig ist und wann Sie ihn bereits gelebt haben.
Damit es nicht langweilig wird, können Sie die Vorbereitung variieren: Denken Sie an eine bevorstehende schwierige Gesprächssituation. Wählen Sie einen Wert, der Ihr Verhalten leiten soll, und formulieren Sie einen konkreten Handlungsschritt. Beispiel: „Mir ist Respekt wichtig. Deshalb werde ich die Gegenposition zunächst zusammenfassen, bevor ich antworte.“
Ein wichtiger Hinweis: Selbstbestätigung bedeutet nicht, sich möglichst häufig einzureden, dass man großartig sei. Das denken Sie sicher sowieso nicht 😉 Also sagen Sie sich nicht, Kritik könne Ihnen nichts anhaben. Sagen Sie sich stattdessen z. B. „Ich kann Kritik prüfen, ohne meinen Wert als Mensch infrage zu stellen.“
So stellen Sie sich realistisch auf Gespräche mit gegensätzlichen Standpunkte ein und ebnen sich einen Weg zur intellektuellen Demut. Das kann ansteckend wirken!
