Im August-Post haben wir den Schneeman mit seiner Imaginationskompetenz vorgestellt. Heute wollen wir insbesondere die anderen fünf Zukünftekompetenzen ergänzen.
So wie wir (fast) alle lesen und schreiben lernen können, können wir unserer Zukünfte Kompetenzen entwickeln: „Futures Literacy“ nennt die UNESCO ihr entsprechendes Konzept, das Riel Miller mitentwickelte und für dessen Verbreitung in Deutschland sich Stefan Bergheim – und inzwischen das Zukünfte-Netzwerk - sehr engagieren. Sechs Kompetenzen werden in diesem Konzept benannt:
1. Kompetenz für Komplexität und Ungewissheit
Es hilft uns, zu verstehen und zu akzeptieren, dass lebendige Systeme komplex sind und nicht vollständig vorhergesagt oder kontrolliert werden können. Für uns bedeutet das, nicht in eine Schockstarre zu verfallen, keine Angst vor Kontrollverlust und Ohnmachtsgefühlen zu haben, sondern aus einer inneren Gelassenheit heraus zuversichtlich zu bleiben. Vielleicht könnten wir in der Komplexität surfen?
2. Kompetenz für Multiple Zukünfte
Die Kompetenz beschreibt die Haltung, dass komplexe Systeme mehrere mögliche Zukünfte hervorbringen können außerhalb meiner Vorstellungskraft. Diese sind abhängig von unseren Entscheidungen, den Dynamiken und unerwarteten und unwahrscheinlichen Ereignissen mit erheblichen Auswirkungen. Allein schon von „Zukünften“ statt der „Zukunft“ zu sprechen/ zu schreiben, ist ein guter Schritt in diese Richtung. Ich kann mich dann überraschen lassen und bin weniger ablehenend gegenüber mir unmöglich erscheinenden Beschreibungen und Prognosen meiner Mitwelt.
3. Kompetenz für Imagination und Annahmen
Wie der Schneemann uns gezeigt hat, entspringen Zukunftsbilder unserer Vorstellungskraft und sind von unserer Sozialisierung und kulturellen Narrativen geprägt. Futures Literacy bedeutet insbesondere, sich mit seinen eigenen Annahmen auseinandersetzen zu können: Was halte ich für wahrscheinlich, weil ich es evidenzbasiert einschätze? Was glaube ich, weil bestimmte Zukunftserzählungen medial dominieren? Bin ich auf der richtigen Fährte? Und wie sehen die Anderen das? Diesen Schritt halten wir für besonders wertvoll.
4. Kompetenz für Perspektivwechsel und Experimente
Zukünfte lassen sich spielerisch erkunden, etwa in Simulationen oder Zukünftelaboren oder Zukunftswerstätten. Diese Kompetenz wird im Miteinander gelebt, indem sich mehrere Menschen über ihre Zukunftsbilder austauschen. Es werden Geschichten erzählt und geschrieben, Skulpturen gestaltet oder (Science-Fiction-artige) Szenarien miteinander gespielt. Die Teilnehmenden eines Zukünftelabors sind in größtmöglicher Heterogenität eingeladen, um miteinander ihre Zukünftebilder zu explorieren und damit schon zu einer ersten Realität werden lassen. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel hilft uns auch an vielen anderen Stellen.
5. Kompetenz für Neuartigkeit und Emergenz
Emergenz hat einen lateinischen Urspring (emergere Auftauchen, Herauskommen, Emporsteigen) und beschreibt hier das Gespür zu entwickeln, wie im ZUsammenspiel der vielen Perspektiven etwas ganz Neues unerwartet entsteht. Statt Angst vor dem Neuen zu haben oder sich davor zu erschrecken, kann kreativ und zuversichtlich damit umgegangen werden. Auch das ist eine Kompetenz!
6. Kompetenz für Handlungsfähigkeit und Umsetzung
Allein alternative Zukunftsbilder können Veränderung auslösen. Die Fähigkeit, aus Zukunftsbildern Handlungsschritte für die Gegenwart abzuleiten, ist gleichwohl wichtig. Unsere Zukunftsbilder geben uns Orientierung: Welche Szenarien halte ich/ halten wir für wünschenswert und was kann ich/ können wir tun, damit es in diese Richtung gehen kann? Welchen ersten kleinen Schritt können wir gehen, und welche weiteren Schritte wollen wir vereinbaren? Wer wird in welchem Feld aktiv? Damit würde dem Bedürfnis vieler unserer Teilnehmenden nachgekommen, aus Diskussionen und einem gemeinsamen Entstehungsprozess etwas konkret Umsetzbares mitzunehmen.
Aus unserer Sicht konkretisiert Futures Literacy auf interessante Weise, was wir unter Lösungsfokussierung verstehen: Nicht im Problemtunnel festkleben, sondern (fast) alle zur Verfügung stehenden Ressourcen und Energien auf Lösungsideen richten. Das macht Spaß, Ihnen auch?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen