Liebe Leserinnen und Leser,
Steine sind ein Material für die Ewigkeit. Werke in Stein auf ihre Weise auch - wer könnte sich sonst an Ägypten oder die Antike erinnern? Der Vater der einen Susanne war Steinbildhauer und sie schrieb ein Buch über seine Werke: "Gestalter am Stein. Grabzeichen und andere Werke des Bildhauers Wilhelm Völker". Die andere Susanne war bei der Buchvorstellung in Mayen dabei und konnte das lebhafte Interesse miterleben (in einem Artikel hier beschrieben). Wir unterhalten uns darüber.
Susanne: Die Buchvorstellung hatte einen sehr netten Rahmen mit den Grußworten des Mayener Oberbürgermeisters, dem Vorsitzenden der Stiftung Lapidea (Herausgeber), Deinem Vortrag und guter Musik an einem wunderbaren Ort. Warum hast Du dieses Buch geschrieben?
Susanne: Mein Vater Wilhelm Völker schuf viele Grabzeichen, die nach Ablauf der Grabliegezeit verschwinden könnten. Anfangs wollte ich nur seine Grabsteine dokumenieren als ein Zeichen, das Lesenden vermittelt: Es gab eine Zeit, in der es nur wenige politerte Granitsteine auf Friedhöfen gab. Zwischen 1960 und 1995 entstanden Werke meines Vaters, die künstlerisch gestaltet und handwerklich präzise ausgeführt waren. Und er schuf auch viele andere Werke für den öffentlichen Raum.
Susanne: Ich greife mir das "künstlerisch gestaltet" heraus - was bedeutet das?
Susanne: Bei Willi, wie er von allen genannt wurde, gab es keinen Stein von der Stange. Er machte für jeden Kunden einen neuen Entwurf, der zu dem/der Verstorbenen passte und eine Aussage über das Leben des/der Verstorbenen machte. Manchmal waren es bildliche Darstellungen, zum Beispiel ein Reiter, ein Schlüsslbord im Hotel, ein Ying-Yang-Zeichen, die Emmaus-Szene oder der Engel mit den drei Frauen am Grab.
Susanne: Heute könnte man das am PC entwerfen oder aus Bildbausteinen zusammen setzen und dann mit einer CNC-Maschine auf den Stein bringen. Wie hat das Dein Vater gemacht?
Susanne: Nu, erstmal hat er seinen Entwurf gezeichnet und mit dem Kunden besprochen. Die Zeichnung übertrug er dann auf den rohen Stein und legte mit Hammer und Meißel los. Er bearbeitete mit der Hand alle Seiten des Grabmals, dazu kam oft eine Schrift mit dem Namen des/der Verstorbenen oder einem Bibeltext.
Seine Schrift war übrigens anerkannt herausragend, nicht nur Information, sondern vor allem ein graphisches Gestaltungsmittel.
Susanne: Das hört sich aufwendig an.
Susanne: Das würde Willi auch sagen. Denn bei ihm gab es keinen Stein vom industriellen Fließband, kein Stein sollte sich gleichen. Der Stein
wie der Mensch – mit Persönlichkeit, handwerklich gefertigt und
künstlerisch gestaltetet. Er lebte genau seine Einstellung: Achtung vor den Menschen und dem Leben.
Willi schrieb dazu einen netten Dialog mit einem Kunden auf: "Sie haben doch den Stein für Familie Becks gemacht, so einen möchte ich auch." "Sehen Sie, wenn Ihre Nachbarin ein schönes, außergewöhnliches Kleid hat, kaufen Sie sich dann dasselbe?“
Susanne: Gab es eigentlich mehrere Bildhauer, die nach diesem Prinzip gearbeitet haben?
Susanne: Willi gehörte zur Steinzunft 65, die 12 Mitglieder hatte. Sie hatte sich, wie einige Jungmeister in ganz Deutschland, das "individuelle Grabmal" auf die Fahne geschrieben. Sie entwarfen - diskutierten und verwarfen - und legten die Besonderheiten der Steine frei. Die Bergische Post schrieb am 11.11.1966: „Anknüpfend an die überlieferten Traditionen handwerklicher Möglichkeiten, bemühten sich die Mitglieder der Steinzunft 65, durch verständnisvolle Bearbeitung des Werkstoffes in Symbol- und Schriftgestaltung eine individuelle Formgebung zu finden. Damit stellen sich die jungen Meister eindeutig gehen die nüchternen, aus Stein gesägten Namenstafeln."
Susanne: Heute gibt es viele Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen. Unter einem Baum in einem Friedwald, auf einem anonymen Grabfeld, in einem Kolumbarium (wir schrieben bereits über ein besonderes) oder in RLP auch in der Mosel oder im eigenen Garten. Wie stehst Du dazu?
Susanne: Ich bin dafür offen. Die Vorstellungen über den Tod haben sich von dem christlichen Glauben entfernt, das ist eine gesellschaftlich Entwicklung, die sich auch in der Bestattungskultur zeigt. Ich selber hätte "meine" Verstorbenen nicht so gerne auf meinem Kaminsims; ich bin froh über den Abstand zum Friehof, der für mich ein Ort der Trauer und des Gedenkens ist. Wenn jemand stirbt, fehlt er ja nicht nur den Angehörigen sondern auch einer Gemeinschaft, die auf dem Friedhof einen leichteren Zugang zum Grab hat.
Ich bedauere, dass das Steinmetzhandwerk auf Friedhöfen nicht mehr so häufig anzutreffen ist. Da verschwindet eine bodenständige, kernige und künstlerische Zunft mit vielen handwerklichen Fähigkeiten. Sehr schade!
Susanne: Ich habe ja immer wieder aus Deinen Erzählungen mitbekommen, wie das Buch entstanden ist. Du hast es mit zwei Frauen als Trio zusammen erarbeitet. Magst Du dazu noch etwas sagen?
Susanne: Ohne Petra Rupp (Redaktion und Lekotrat) und Astrid Weingarten (Grafik) gäbe es dieses Buch nicht. Petra war für unser Projekt wichtig, weil sie mich nicht aufgegeben hat und meinen Texten Stringenz und einen roten Faden gab. Astrid hat die künstlerischen Absichten und die grafischen Fähigkeiten von Willi durchdrungen wie kaum eine andere. Ihr verdankt das Buch ein klares Design, Willi-gemäß!
Wir drei haben alle unsere Stärken in das Projekt einbringen können. Wir haben uns gerieben und neue Erkenntnisse gewonnen, wie haben diskutiert und gelacht. Es war eine wunderbare gemeinsame Erfahrung!

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